Die halbe Venus

Dienstag, 27. März 2012

Mit diesem kleinen Artikel soll nun die Bühne für den großen Auftritt der Venus in diesem Jahr bereitet werden. Es ist ein echtes Jahrhundert-Jahr für diesen hellsten aller Planeten an unserem nicht nur nächtlichen Himmel. In den kommenden Monaten können Sie die Venus als hellen Abendstern verfolgen. Die größte Helligkeit erreicht der Planet am 30. April und ist dann bei klarem Himmel auch gut tagsüber auszumachen! Im Juni folgt mit dem zweiten und letzten Venustransit in diesem Jahrhundert der Vorbeigang der Venus vor der Sonne auf den Morgenhimmel und im Sommer füllt sie dann früh morgens mit ihrem Glanz den Himmel.

In der Antike waren die großen Planeten - die Wandelsterne, eben die Sterne, die sich durch den Himmel hindurch bewegen, wandeln - schon bekannt. Die Zyklen von Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn spielten eine große Rolle in der Deutung irdischer Ereignisse. Man war daher sehr daran interessiert, die Regelmäßigkeiten gut zu kennen, um bestimmte Konstellationen vorhersagen zu können. Da die Gestirne sich ja alle scheinbar um die Erde drehen, lag es sehr nahe, ein geozentrisches Weltensystem zu ersinnen, in dem alle Bewegungen beschrieben werden sollen. Ptolemäus hat das damalige Wissen im 2. Jahrhundert nach der Zeitenwende aufgeschrieben und dieses Weltbild weithin bekannt gemacht.

Wohl gab es bei genauerem Hinsehen Probleme in diesem System, aber die Zeit für eine Änderung war lange noch nicht reif. Kopernikus verfasste erst im 16. Jahrhundert eine einfachere Theorie zur Beschreibung der Planetenbahnen, das heliozentrische System, in dem die Planeten sich alle um die Sonne und nicht um die Erde bewegen! Es war zu dieser Zeit nur eine Theorie, die noch ihrer Bestätigung harrte.

Die Halb-Venus: so können Sie die Venus am 27. März sehen.Erst mit der Erfindung des Fernrohres gelang Galileo Galilei 1609 schließlich der Durchbruch: er richtete sein Fernrohr u.a. auf die Venus und fand: die Halbvenus! Ja, eine halbe Venus, ein Planet, der wie der Mond Phasen zeigt. So etwas ist Ausdruck der Beleuchtung eines Planeten und der relativen Bewegung von Planet, Sonne und Erde!

Es war die Folge der Venusphasen: Halbvenus, Sichel, Neuvenus, zunehmende Sichel, wieder Halbvenus, Vollvenus, u.s.w., die nicht im Einklang mit dem alten geozentrischen Weltbild stand und dieses schließlich zum Kippen brachte.

Die Stellung der Venus zu Sonne und Erde, in der sie uns zur Hälfte beleuchtet erscheint, ist eine ganz besondere Stellung! Genau die eine Hälfte ist im Licht und die andere Hälfte im Schatten der Sonne. Wir blicken dann also auf den Terminator, die Tag-Nacht-Linie auf der Venusoberfläche. D.h. Sonne, Venus und Erde bilden ein rechtwinkliges Dreieck und man kann aus dem gemessenen Winkel zwischen Sonne und Venus direkt das Größenverhältnis der Umlaufbahnen der Venus und der Erde ermitteln! Denn für exakte Kreisbahnen tritt die Dichotomie - die halbe Beleuchtung eines Himmelskörpers beim größten Winkelabstand des Planeten zur Sonne auf. Für die Venus passiert das in diesem Jahr am 27. März, der Winkel Sonne-Venus beträgt dann 46° und somit ergibt sich ein Bahnradius der Venus von 0,72 * Bahnradius der Erde!

In der Realität ist die Sache ein klein wenig komplizierter. Die Venusbahn ist eine ganz schwach verbogene Kreisbahn, eine schwache Ellipse. Dies führt zu Dichotomiestellung in diesem Jahr am 27. März und zur Halbvenus genau genommen erst am 29. März. Auch spielt die Atmosphäre der Venus eine Rolle. Dort wird das Licht der Sonne gebrochen und so die Dichotomie-Linie verbogen, ein Effekt, den man Johannes Hieronymus Schröter zu Ehren, den Schröter-Effekt nennt. So leicht ist also die exakte Dichotomie der Venus gar nicht zu beobachten. Aber immerhin, wenn Sie in den kommenden Tagen Gelegenheit haben und einmal durch ein Fernrohr auf die Venus schauen, dann lassen Sie sich mit Ptolemäus, Galilei, Schröter und vielen andern vom Anblick der Halbvenus, die ein paar Tage lang gut als solche zu erkennen ist, entführen und in die tieferen Geheimnisse unseres Sonnensystems einweisen! Gelegenheiten dazu haben Sie zum Beispiel, am Dienstag, den 20. März auf dem Frauenberg ab etwa 20 Uhr und am Samstag, den 24. März in der Volkssternwarte Marburg im Schulzentrum in Kirchhain.